Magazin durchsuchen

Neuste Blogs

28. September 2012, 21:12 Kultur Movie Zurich Film Festival

Beasts of the Southern Wild @ Zurich Film Festival

Gregor Schenker - Wenn es Gerechtigkeit auf der Welt gibt, wird dieser Film den internationalen Spielfilm-Wettbewerb gewinnen: „Beasts of the Southern Wild“ ist eine wunderschöne Parabel über Liebe, Heimat und den Weltuntergang.

Beasts of the Southern Wild @ Zurich Film Festival
„Wer seine Eltern verliert, dem ergeht es ähnlich wie jemandem, der sein Heim verliert“, erzählt Regisseur Benh Zeitlin in der Fragerunde. Sein Debütfilm Beasts of the Southern Wild dreht sich um Hushpuppy (gespielt von der sechsjährigen Quvenzhané Wallis), die ohne Mutter aufwächst. Als ihr Vater Wink (Dwight Henry) schwer krank wird, hat sie Angst, auch ihn zu verlieren.

Zugleich ist ihre Heimat in Gefahr, eine Insel im Sumpfgebiet des Mississippi-Delta, von den Einwohnern the bathtub genannt. Ein grosser Damm schneidet sie vom nahe gelegenen New Orleans, der dry world ab. Dem ganzen Gebiet droht die Überschwemmung, die Behörden wollen die Leute in der Badewanne zwangsevakuieren. Aber diese setzen sich zur Wehr.

Ein dokumentarischer Märchenfilm

Es liegt nahe, in Beasts of the Southern Wild eine Parabel auf Hurrikan Katrina zu sehen, auch auf die sozialen Gefälle, die der Sturm entlarvt hat. Aber in dem Film steckt mehr. Zeitlin, der selbst in New Orleans wohnt, wollte eine Geschichte über Menschen erzählen, deren Heimat ihnen jederzeit weggenommen werden kann. Grosse Stürme kennt man an diesem Fleck der Erde seit jeher. Häuser werden zerstört, der Wasserspiegel steigt, das Salzwasser des Meeres tötet Pflanzen und Tiere. Trotzdem bleiben die Menschen dort. Sie lassen sich nicht unterkriegen.

Während Zeitlin darüber nachdachte, wie er dieses Thema angehen könnte, stiess er auf Lucy Alibars Theaterstück Juicy and Delicious. Das Drehbuch verfassten Zeitlin und Alibar gemeinsam.
Von den ersten Entwürfen bis zum fertigen Schnitt (zwei Tage vor der Premiere am Sundance Film Festival) dauerte es vier Jahre. Mit viel gutem Willen und Laiendarstellern drehten das Team vor Ort im Sumpf, unter schwersten Bedingungen. Die Häuser der Badewanne mussten mehrfach abgebrochen und wieder aufgebaut werden, um den Fortgang der Katastrophe zu zeigen.

Das Resultat ist ein dokumentarischer Märchenfilm, konsequent aus der Warte von Hushpuppy erzählt. Sie versteht die Welt um sie herum nicht wirklich, vieles bleibt ihr unverständlich. Stattdessen baut sie sich ihre eigene Mythologie. Die Lehrerin, Ärztin und Ladenbesitzerin Little Jo (Pamela Harper) erzählt ihr und den anderen Kindern einmal vom Klimawandel und dem Kampf der Höhlenmenschen gegen Auerochsen. Als ein gewaltiger Sturm losbricht, nachdem Hushpuppy ihren Vater im Streit geschlagen hat, gibt sie sich die Schuld – und fürchtet, den Weltuntergang ausgelöst zu haben: Sie hat eine Vision davon, wie am Südpol die gewaltigen prähistorischen Auerochsen aus dem Eis entkommen. Die Ungeheuer wollen sich die Herrschaft über die Erde zurückholen.

Realität und Einbildung

Was in Beasts of the Southern Wild Realität und was Einbildung ist, ist unmöglich zu unterscheiden. Es ist schwer zu sagen, ob die Geschichte wirklich in der Gegenwart oder in einer apokalyptischen Zukunft spielt. Und es bleibt ambivalent, wer hier die Bösen und wer die Guten sind. Hat man zunächst das Gefühl, der Film würde die Bewohner der Badewanne als Helden feiern, wird bald ihr Wahnsinn, ihr Fundamentalismus spürbar. Hushpuppy selbst kann gemeingefährlich werden, wenn sie zum Beispiel ihr Haus anzündet und abbrennen lässt, nur weil sie wütend auf ihren Vater ist. Die Bewohner der Trocken-Welt hingegen, auch wenn sie die Katastrophe mitverschulden, wollen nur helfen. Diese Hilfe auszuschlagen zieht schlimme Konsequenzen nach sich.

Beasts of the Southern Wild ist ein einzigartiger Film. Die ungewöhnliche Erzählperspektive sowie die Mischung aus dokumentarischem Stil und märchenhaften Elementen lassen einen nicht mehr los. Und die Filmmusik von Zeitlin und Dan Romer ist derart schön, dass sie einen mehr als einmal zu Tränen rührt.

Als der Nachspann gelaufen ist, klatscht das Publikum lange. Und es bleibt für die anschliessende Fragerunde sitzen – nur zwei oder drei Leute verlassen den (vollen) Saal. Soviel Begeisterung habe ich an diesem Festival bei keinem anderen Film erlebt.


Weitere Vorstellungen:

  • Sa, 29. Sept, 21:30, corso 2


Beasts of the Southern Wild läuft im internationalen Spielfilm-Wettbewerb.

Kommentare
Login oder Registrieren