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4. Oktober 2014, 20:28 Movie Zurich Film Festival

Chrieg @ Zurich Film Festival

Gregor Schenker - Der Hype-Film des Internationalen Spielfilm-Wettbewerbs erweist sich leider als typisch schweizerisches Produkt: Krampfhaft gesellschaftsrelevant, aber ohne Fokus. Die grosse Enttäuschung des Festivals.

Chrieg @ Zurich Film Festival
Chrieg hängt sich an den falschen Protagonisten: Der Teenager Matteo (Benjamin Lutzke) hat Probleme mit seinem Vater, also schickt in dieser auf die Alp, wo ihn ein Ziegenbauer durch harte Arbeit zu einem wertvollen Mitglied erziehen soll. Doch auf dem Hof regieren in Wirklichkeit drei Jugendliche, die Matteo zunächst einmal in einen Hundezwinger stecken. Schockschwerenot.

Wie haben es diese drei Jugendlichen geschafft, den Hof zu übernehmen? Wie kam es dazu, dass die beiden jungen Männer das Mädchen in der Gruppe als gleichwertig akzeptieren? Das erfahren wir nicht. Wie Matteo werden wir in eine Situation geworfen, die wir nie völlig verstehen, die deswegen aber auch stets unglaubwürdig bleiben muss.

Dem Publikum Antworten vorzuenthalten wirkt hier weniger wie künstlerische Absicht, als wie der Versuch, die Löcher im Drehbuch zu kaschieren. Die Gewaltspitzen entwickeln sich nicht nachvollziehbar aus der Handlung oder aus der Figurenentwicklung, sondern erscheinen als billige Schockeffekte.

Am Ende wird weder die Geschichte von Matteo noch die Geschichte des Trios richtig ausgearbeitet, so dass nicht mehr übrig bleibt als ein Sammelsurium von spannenden, aber unausgereiften Ideen – und ein paar Klumpen plumper Gesellschaftskritik. So zum Beispiel, wenn der Serbe des Trios trotzig erklärt, die Schweiz hätte ihn am liebsten schon längst auf den Balkan geschickt.

Regisseur und Drehbuchautor Simon Jaquemet ist leider nicht die angekündigte Hoffnung des Schweizer Spielfilms. (Und wirkte im anschliessenden Gespräch mit dem Moderator ebenso verschlafen wie die Inszenierung seines Films.)

Keine weiteren Vorstellungen


Chrieg lief im Internationalen Spielfilm-Wettbewerb.

Kommentare
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dollarhyde 27.01.2015 um 21:00
Ich hoffe doch sehr, dass selbst Max Ophühls nicht der Meinung war, ein Preis in seinem Namen würde jede negative Kritik am ausgezeichneten Werk verbieten. Und dass sich jeder Kritiker nach der Nominierung in Solothurn zu richten habe, wäre mir auch neu.
Aber dass jemand, der andere als SVP-Anwärter und Bünzler bezeichnet, selbst auf Gleichschaltung und Autoritätshörigkeit steht, empfinde ich als hübsche Ironie.
morbusdeux
morbusdeux 27.01.2015 um 20:17
Ich mochte den Film sehr. Endlich mal ein unverkrampfter Film, der nichts erklären muss und auch nicht mit einem Happy End aufwartet. Dieser Film ist wie eine Faust in die Magengrube. Das SVP Anwärter und andere ihn nicht verstehen, spricht Bände. Zum Leidwesen des Kritikschreibers muss ich sagen, dass Chrieg den Jury Preis beim Filmfest in Marrakesch gewonnen hat und gerade am letzten Wochenende DEN Max Ophüls Preis (bitte googeln). Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Max Ophüls Preis. Ebenfalls Benjamin Lutzke: Bester männlicher Darsteller (Marrakesch), bester männlicher Nachwuchsschauspieler (Max Ophüls Preis). Diese Woche ist das Filmfest in Solothurn. Morgen am Mittwoch die Nacht der Nominierungen. Wenn der Autor der obigen Kritik recht hat, müsste wenigstens in Solothurn, morgen Abend den versammelten Filmschaffenden gezeigt werden, dass die verrückten Deutschen zwar an Schauspieler und Regisseur die Topppreise vergeben können, dass sie damit aber noch lange nicht vor den Bünzlern bestehen können. Ich bin gespannt.
P.s. Für den Fall, dass Film oder Schauspieler morgen nominiert werden, empfehle ich dem Kritiker nie wieder über etwas zu schreiben oder vorschnell zu urteilen, von dem er keine Ahnung hat.
Eine schöne Zeit noch.
dollarhyde 05.10.2014 um 08:48
Gestern hab ich noch "Kreuzweg" gesehen, ebenfalls ein Film über Teenagerprobleme.

Hundertmal schockierender als "Chrieg", obwohl der Film vollständig auf billige Schockeffekte (Hundezwinger) verzichtet.
Hundertmal dynamischer in der Regie, obwohl er (fast) vollständig aus unbewegten Einstellungen besteht (statt aus diesem nervigen zeitgenössischen Kameragewackel).
Hundertmal glaubwürdiger in den Rollen, obwohl sie extrem stilisiert angelegt sind (und nicht bloss flach).
Und in Buch und Regie derart auf den Punkt, dass man Jaquement eine Sichtung aufzwingen sollte - damit er mal sieht, wie man einen Film ohne jede unnötige Verzettelung hinkriegt.
Muriele
Muriele 05.10.2014 um 02:21
Das finde ich jetzt etwas harte Kritik. Ich fand den Film ziemlich erfrischend. Eine Geschichte, die auf eigenen Füssen steht, obwohl sich durchaus Parallelen zu anderen Filmen abzeichnen. Und die schauspielerische Leistung von Benjamin Lutzke fand ich grandios! Ausserdem war die Vater-Sohn-Beziehung sehr glaubhaft.