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27. Dezember 2010, 00:00 Movie

About DREI - Interview mit Tom Tykwer

Raphaël Rück - Tom Tykwer war zu Besuch in Zürich und unterhielt sich mit students.ch über seinen neusten Film DREI. Der 45-jährige Regisseur bringt nach den zwei grossen Produktionen DAS PARFÜM und THE INTERNATIONAL eine alltäglichere Geschichte auf die Leinwand, die den anderen jedoch in nichts nachsteht.

About DREI - Interview mit Tom Tykwer
Siehe Kritik:http://www.students.ch/magazin/details/47621?fb|.

Wieso der Titel: DREI?

Irgendwas daran ist interessant. Man liest die Zahl und dann sieht man drei Gesichter und denkt: „Oh kompliziert, aber irgendwie interessant“, und dann sieht man noch das irgendwie Humor im Spiel ist. Ich glaube, es gehen sofort Assoziationen los. Es ist ja kein Film über Dreiecksbeziehungen. Es ist ein Film über zwei, die einen dritten treffen. Insofern ist es auch kein Dreier. Es sind drei Zweier: Hanna mit Simon, Simon mit Adam, Adam mit Hanna.

Bei der Pressevisionierung war ich wohl der jüngste Zuschauer und mir ist aufgefallen, dass ich nicht zu den gleichen Stellen lachen musste wie die anderen. Glauben Sie, fehlt es älteren Generationen vielleicht an Selbstironie oder woran liegt das?

Ich finde den Film ausgesprochen komisch. Er schöpft ja seine Leichtigkeit aus seinem Ernst. Er versucht die komplizierten und die absurden Momente gleichwertig neben den alltäglichen zu behandeln. Dass das auf unterschiedliche Reaktionen trifft, hat nicht so sehr mit dem Alter zu tun, sondern nur damit in welcher Lage man gerade selber steckt. Er zeigt ja Leute in einer Transition, einer Phase in die man immer wieder gestürzt wird. Die Fragestellung: Sollen wir jetzt so weiterleben oder soll sich etwas ändern? ist ja nicht etwas, das besonders generationsspezifisch wäre. Die stellt sich beinahe jeder so alle fünf bis zehn Jahre im Leben. Ab dem Moment, wo man irgendwie als erwachsen tituliert wird – was ja leider viel zu früh passiert –ist man in diese Ecke gedrängt, sagen zu müssen wer man ist, was man will, was für Gelüste und Sehnsüchte man hat, auch was für etwas abwegigere Bedürfnisse. Das soll man alles wissen und meistens ist man sich über vieles gar nicht sicher oder es werden Bedürfnisse grösser über die Jahre, die man früher gar nicht so wichtig fand oder umgekehrt. All das verhandelt der Film auf eine Weise, die den, der gerade mitten in einem solchen Konflikt steckt, vielleicht mehr trifft, als jemand, der es gerade hinter sich hat und mit einer gewissen Entspanntheit darauf zurückblicken kann, sozusagen diese Krise überwunden hat. Den Eindruck habe ich, dass der Film für gewisse Leute extrem komisch ist und bei anderen auch eine Anspannung verursacht.

Herr Tykwer, glauben Sie, dass sich heutige Jugendliche von der Thematik angesprochen fühlen?

Ich weiss es nicht so genau. Junge Erwachsene wissen schon eine Menge von diesen Problemen. Viele haben sich einigermassen erfolgreich dagegen gewehrt, völlig abgelöst zu werden von ihren etwas spontaneren und noch nicht ganz so festgefahrenen Seiten. Das ist etwas, was auch unsere Generation prägt, dass wir versuchen uns nicht wie unsere Eltern- oder Grosselterngenerationen im frühen Alter schon ganz abzulösen von bestimmten Neugierden und einer etwas experimentelleren Lebenshaltung. Gleichzeitig sind wir gefordert uns festzulegen, weil wir zum Beispiel eine Berufsentscheidung treffen müssen, weil wir dann in dieser Berufsentscheidung alt werden sollen, ob es uns ein Leben lang interessiert oder nicht. Von diesen Widersprüchen handelt der Film. Insofern kann ich mir schon vorstellen, dass auch junge Leute Interesse dran haben.

Ihr Filmschaffen ist bedeutend und vielfältig. Zurückblickend, was entspricht Ihnen mehr: Ein Film wie DAS PARFÜM oder doch eher DREI?

Ich habe das Gefühl, dass die Filme irgendwie verwandt sind. Ich denke aber ehrlich gesagt nicht soviel darüber nach. Der Film den ich als jeweils nächstes mache, soll der Gruppe, mit der ich immer zusammenarbeite – was ein gewisser Freundeskreis ist – einen neuen Forschungsbereich bieten und uns auf eine bestimmte Weise herausfordern. Das ist die Basis für jedes Projekt. Wir nehmen uns auch immer mit in jedem Film, im Sinne unserer Haltung unsere Perspektiven, unseres Stils, unserer Vorstellung davon, wie das Kino sein soll. Wir können gar nicht anders, als diese Spur in jedem Projekt weiter zu verfolgen. Die Projekte haben in ihrer Chronologie alle eine aufeinanderfolgende Logik. Als wir DAS PARFÜM machten, hatte ich Sehnsucht nach einem ganz anderen Denkraum und einer ganz anderen ästhetischen Herausforderung und fand das war eine, die uns was ganz neues abverlangt hat. Solange ich mich in einem Film zuhause fühle, gibt es keine Präferenz. Ich muss die Figuren auch von innen begreifen können und das habe ich bei Grenouille nicht weniger tun können als bei Hanna, Simon oder Adam.

Sophie Rois war vor kurzem in einem Schweizer Film namens 180° zu sehen und stach schon in diesem stark heraus. Wie empfinden Sie sie als Schauspielerin? Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Ich kenn sie schon ganz lange als Bühnenheldin in Berlin. Im deutschsprachigen Raum ist sie ja ein Theaterstar geworden im letzten Jahrzehnt. Ich habe mich immer danach gesehnt, dass sie mehr Protagonisten spielen kann im Kino und als ich dann endlich wieder einen Film hatte, wo das möglich war, wollte ich sie sofort haben. Sie hat natürlich, speziell was diesen Stoff betrifft, genau den richtigen Tonfall mitgeprägt. Auch durch die Mischung von Witz, Klugheit, einer bestimmten Art von Schroffheit und gleichzeitig einer ganz hohen Genauigkeit im Umgang mit Texten hat sie den Film stark geprägt. Der Spass, den man hat beim Zuschauen von Sophie Rois, ist ungewöhnlich, weil sie keine einfach zu kategorisierende Figur spielt und auch nicht ist (er lacht). Sie ist ein vielschichtiges Wesen und ich glaube das liebt man an ihr, dass sie das auch nicht versteckt, sondern dass sie das quasi betont.

In einem früheren Interview sagten Sie, dass die Geschichte nicht direkt autobiographisch sei. Sebastian Schipper und David Striesow sind anscheinend beide klar heterosexuell und Sophie Rois glaubt, dass das archaische Familienmodell mehr der Wirklichkeit entspricht. Ist denn nun der ganze Film bloss ein theoretisches Experiment?

Es geht viel grundsätzlicher um die Tatsache, dass wir, glaube ich, alle ein deutlich entspannteres bzw. kritisches Verhältnis zu diesen normierten Beziehungsmustern haben, aber dass wir dann in der Praxis ein bisschen hinterherhinken und dass das sicherlich mit unseren Prägungen und auch einfach mit praktischen Möglichkeiten zu tun hat. Unsere über das Verbindlichkeitsmuster hinausgehenden Triebe und Neugierden umzusetzen ist deutlich aufwändiger und komplizierter in der Gegenwart, als dass es uns recht ist. Ich glaube, dass viele darunter leiden, dass sie sich dann trotzdem in diesen Verpflichtungen einrichten. Der Film spielt auch nur damit, dass es eben unterschiedliche Möglichkeiten gibt, damit umzugehen. Er hat aber keine Botschaft, kein Sendungsbewusstsein. Abgesehen davon ist es wirklich kein Film der intakte Zweierbeziehungen ernsthaft infrage stellt, sondern er zeigt aus meiner Sicht sogar eine, die verdammt gut funktioniert. Dass selbst die nicht gefeit ist vor natürlichen Verführungen, vor Lockungen, ist ja nun das selbstverständlichste und das normalste der Welt. Das weiss jeder.

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